Beidhändige Führung und organisationale Ambidextrie: Wie Unternehmen Effizienz und Innovation erfolgreich verbinden
Unternehmen stehen vor einer grundlegenden Herausforderung:
Sie müssen ihr bestehendes Geschäft zuverlässig, effizient und profitabel betreiben und gleichzeitig Innovationen ermöglichen, neue Kompetenzen entwickeln und sich an veränderte Marktbedingungen anpassen.
Wie gelingt dieser Spagat zwischen Stabilität und Veränderung, Effizienz und Innovation, Exploitation und Exploration?
Eine Antwort darauf liefert das Konzept der organisationalen Ambidextrie, häufig auch als organisatorische Beidhändigkeit bezeichnet.
Dabei geht es nicht darum, sich für eine Seite zu entscheiden. Zukunftsfähige Organisationen müssen lernen, beides gleichzeitig zu beherrschen.
Was bedeutet organisationale Ambidextrie?
Der Begriff Ambidextrie bedeutet ursprünglich Beidhändigkeit. Auf Organisationen übertragen beschreibt er die Fähigkeit, zwei unterschiedliche Anforderungen gleichzeitig zu bewältigen:
Exploitation – das Bestehende beherrschen und verbessern
Dazu gehören beispielsweise:
- bestehende Prozesse optimieren
- Qualität und Liefertreue sicherstellen
- Standards etablieren
- Produktivität erhöhen
- Kosten reduzieren
- vorhandene Produkte und Dienstleistungen weiterentwickeln
Exploration – Neues entdecken und entwickeln
Dazu gehören:
- neue Ideen und Lösungen entwickeln
- experimentieren
- neue Technologien erproben
- Kundenbedürfnisse neu verstehen
- neue Geschäftsmodelle entwickeln
- aus Hypothesen, Experimenten und Fehlern lernen
James G. March beschrieb diese grundlegende Spannung bereits 1991 in seinem viel zitierten Beitrag „Exploration and Exploitation in Organizational Learning“. Er weist dabei auf ein strukturelles Problem hin: Exploitation erzeugt häufig schneller sichtbare Ergebnisse, während der Nutzen von Exploration unsicherer ist und zeitlich später entsteht.
Quelle: March, J. G. (1991): Exploration and Exploitation in Organizational Learning. Organization Science, 2(1), 71–87. DOI: 10.1287/orsc.2.1.71.
Warum brauchen Unternehmen heute Beidhändigkeit?
Organisationen benötigen Exploitation, um heute erfolgreich zu sein und Exploration, um auch morgen noch erfolgreich sein zu können.
Konzentriert sich ein Unternehmen zu stark auf Exploitation, kann es kurzfristig hoch effizient werden. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass bestehende Geschäftsmodelle, Technologien und Arbeitsweisen immer weiter perfektioniert werden, obwohl sich das Umfeld bereits verändert.
Dominiert dagegen Exploration, entstehen möglicherweise zahlreiche Ideen und Initiativen, ohne dass daraus zuverlässig skalierbare und wirtschaftlich tragfähige Lösungen entstehen.
O'Reilly und Tushman beschreiben organisationale Ambidextrie entsprechend als Fähigkeit, sowohl in etablierten Märkten mit Effizienz, Kontrolle und inkrementeller Verbesserung als auch in neuen Märkten mit Flexibilität, Autonomie und Experimentierfähigkeit erfolgreich zu sein.
Quelle: O'Reilly, C. A.; Tushman, M. L. (2013): Organizational Ambidexterity: Past, Present, and Future. Academy of Management Perspectives, 27(4), 324–338. DOI: 10.5465/amp.2013.0025.
Was bedeutet beidhändiges Führen?
Organisationale Ambidextrie stellt besondere Anforderungen an Führung.
Denn die Führungslogiken beider Welten unterscheiden sich.
Führung in der Exploitation
Hier stehen eher folgende Aspekte im Mittelpunkt:
klare Ziele → Verantwortlichkeiten → Prozesse → Standards → Kennzahlen → kontinuierliche Verbesserung
Führung schafft Orientierung und sorgt für zuverlässige Leistung.
Führung in der Exploration
Hier verändert sich die Logik:
Fragestellung → Hypothese → Experiment → Feedback → Lernen → Anpassung
Führung muss stärker Freiräume ermöglichen, Unsicherheit akzeptieren und Lernen organisieren.
Beidhändiges Führen bedeutet deshalb nicht, permanent einen Mittelweg zwischen beiden Welten zu suchen.
Es bedeutet vielmehr:
Situativ zu erkennen, wann und wo eine Organisation Stabilität und Standards benötigt und wann sie Freiräume, Experimente und Lernen braucht.
Bedeutet Ambidextrie 50 % Effizienz und 50 % Innovation?
Nein, das ist eines der häufigsten Missverständnisse.
Eine Produktion benötigt beispielsweise andere Freiheitsgrade als ein Team, das ein neues Geschäftsmodell entwickelt. Ein etablierter Abrechnungsprozess benötigt andere Steuerungsmechanismen als die Erprobung einer neuen KI-Anwendung.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Wie schaffen wir eine Balance von 50:50?“
Sondern:
„Welche Form von Führung, Organisation und Zusammenarbeit benötigt die jeweilige Aufgabe?“
Welche Formen organisationaler Ambidextrie gibt es?
In Forschung und Praxis lassen sich verschiedene Möglichkeiten unterscheiden.
1. Strukturelle Ambidextrie
Exploration und Exploitation werden teilweise organisatorisch getrennt.
Das bestehende Geschäft arbeitet mit etablierten Prozessen und Strukturen. Innovationsaktivitäten werden beispielsweise in eigenen Teams, Business Units oder Innovation Labs organisiert.
Der Vorteil liegt in den unterschiedlichen Rahmenbedingungen.
Die zentrale Herausforderung entsteht allerdings später:
Wie kommt eine erfolgreiche Innovation zurück in die Kernorganisation?
2. Kontextuelle Ambidextrie
Exploration und Exploitation finden innerhalb derselben Organisation oder desselben Teams statt.
Mitarbeitende erhalten Handlungsspielräume und entscheiden situationsabhängig, ob eine Aufgabe stärker Effizienz oder Exploration benötigt.
Das setzt jedoch klare Ziele, Vertrauen, entsprechende Kompetenzen und einen geeigneten Führungsrahmen voraus.
3. Zeitliche Ambidextrie
Organisationen können auch zwischen unterschiedlichen Phasen wechseln.
Ein Beispiel:
Exploration → Prototyp → Pilotierung → Lernen → Standardisierung → Skalierung → Exploitation
Diese Form kann insbesondere für mittelständische Unternehmen interessant sein, weil nicht zwangsläufig parallele Organisationsstrukturen aufgebaut werden müssen.
John P. Kotter: Zwei Betriebssysteme für eine Organisation
Einen interessanten organisatorischen Ansatz liefert John P. Kotter mit seinem 2012 in der Harvard Business Review veröffentlichten Beitrag „Accelerate!“ und dem 2014 erschienenen Buch Accelerate: Building Strategic Agility for a Faster-Moving World.
Kotters wesentliche Erkenntnis:
Die klassische Hierarchie ist nicht grundsätzlich das Problem.
Sie ist vielmehr sehr gut darin, ein bestehendes Unternehmen zuverlässig zu organisieren.
Hierarchien schaffen:
- Verantwortlichkeiten
- Prozesse
- Planbarkeit
- Ressourcensteuerung
- Qualität
- Effizienz.
Schwieriger wird es, wenn dieselbe Struktur gleichzeitig schnelle und weitreichende Veränderungen bewältigen soll.
Kotter schlägt deshalb ein Dual Operating System – ein duales Betriebssystem – vor.
Betriebssystem 1: Hierarchie
Die klassische Organisation sichert das operative Geschäft.
Betriebssystem 2: Netzwerk
Parallel dazu entsteht ein flexibleres Netzwerk von Mitarbeitenden aus unterschiedlichen Bereichen und Hierarchieebenen.
Dieses Netzwerk treibt strategische Initiativen, Innovation und Veränderung voran.
Entscheidend dabei: Das Netzwerk ersetzt die Hierarchie nicht. Beide Systeme arbeiten parallel und sind miteinander verbunden.
Kotters Dual Operating System ist nicht mit der wissenschaftlichen Theorie organisationaler Ambidextrie gleichzusetzen. Es zeigt jedoch sehr anschaulich, wie unterschiedliche organisatorische Logiken parallel gestaltet werden können.
Quellen:
Kotter, J. P. (2012): Accelerate! Harvard Business Review, 90(11), 44–58.
Kotter, J. P. (2014): Accelerate: Building Strategic Agility for a Faster-Moving World. Harvard Business Review Press.
Warum scheitert Ambidextrie in Unternehmen?
Die theoretische Idee ist überzeugend. Die praktische Umsetzung ist deutlich schwieriger.
Dabei begegnen uns insbesondere sechs Herausforderungen.
1. Das Tagesgeschäft gewinnt
Das operative Geschäft erzeugt unmittelbaren Handlungsdruck. Kunden warten, Projekte müssen abgeschlossen und wirtschaftliche Ziele erreicht werden.
Exploration verspricht dagegen einen möglichen zukünftigen Nutzen.
Unter Druck gewinnt deshalb fast immer das Tagesgeschäft.
Was können Unternehmen tun?
- Exploration benötigt geschützte Ressourcen:
- Zeit
- Budget
- Verantwortlichkeiten
- Management Attention.
Gleichzeitig müssen explorative Aktivitäten mit strategischen Fragestellungen verbunden sein.
Freiraum allein erzeugt noch keine relevante Innovation.
2. Exploration wird mit den falschen Kennzahlen gesteuert
Von einer neuen Idee wird teilweise bereits zu Beginn ein belastbarer Business Case erwartet.
Das ist widersprüchlich.
Wenn Markt, Lösung oder Geschäftsmodell noch nicht ausreichend bekannt sind, kann die zentrale Aufgabe zunächst darin bestehen, Unsicherheit zu reduzieren und Annahmen zu überprüfen.
Was hilft?
Unterschiedliche Steuerungslogiken.
Exploitation:
Produktivität · Qualität · Kosten · Liefertreue · Ergebnis
Exploration:
validierte Hypothesen · Kundenfeedback · Erkenntnisgewinn · Lernfortschritt · getestete Lösungen
3. Innovation wird von der Organisation isoliert
Ein Innovation Lab kann hervorragende Ideen entwickeln und trotzdem wenig Wirkung erzeugen.
Das passiert, wenn die Kernorganisation die Ergebnisse später nicht übernehmen kann oder will.
Was hilft?
Die Schnittstellen zwischen Exploration und Exploitation müssen von Beginn an Bestandteil des Organisationsdesigns sein.
Insbesondere müssen Verantwortlichkeiten für Transfer, Industrialisierung beziehungsweise Operationalisierung und Skalierung geklärt werden.
4. Führung sendet widersprüchliche Signale
„Experimentiert und macht Fehler“ funktioniert nicht, wenn gescheiterte Experimente anschließend sanktioniert werden.
Umgekehrt darf Fehlerkultur nicht bedeuten, vermeidbare Qualitätsprobleme im etablierten Geschäft zu akzeptieren.
Was hilft?
Fehler müssen kontextabhängig bewertet werden.
Ein vermeidbarer Fehler in einem bekannten Standardprozess ist etwas anderes als ein fehlgeschlagenes, bewusst begrenztes Experiment unter hoher Unsicherheit.
5. Exploration verliert den Bezug zur Strategie
Innovation wird manchmal mit möglichst vielen Ideen verwechselt.
Das kann zu einer Vielzahl von Initiativen führen, die Ressourcen binden, aber wenig strategische Wirkung erzeugen.
Was hilft?
Exploration braucht einen strategischen Suchraum.
Zum Beispiel:
- Welche Kundenprobleme werden zukünftig relevant?
- Welche Technologien verändern unser Geschäft?
- Welche Annahmen unseres heutigen Geschäftsmodells könnten morgen nicht mehr gelten?
- Welche neuen Kompetenzen benötigen wir?
6. Zusätzliche Strukturen erhöhen die Komplexität
Innovation Labs, agile Teams, Transformationsprogramme und Netzwerke können zusätzlich zur bestehenden Organisation aufgebaut werden.
Dann entsteht statt Ambidextrie möglicherweise schlicht eine zweite Bürokratie.
Was hilft?
Ambidextrie darf nicht bedeuten, immer weitere Strukturen hinzuzufügen.
Rollen, Entscheidungsbefugnisse, Governance, Prozesse und Schnittstellen müssen bewusst gestaltet werden.
Wie lässt sich organisationale Ambidextrie systematisch einführen?
Organisationale Ambidextrie lässt sich nicht allein durch neue Methoden, agile Teams oder ein Innovation Lab einführen. Denn Exploration und Exploitation beeinflussen wesentliche Elemente einer Organisation gleichzeitig: Strategie, Strukturen, Rollen, Prozesse, Entscheidungswege, Führung, Kultur und Kompetenzen.
Genau hier liegt eine der zentralen Herausforderungen bei der Umsetzung.
Die Frage lautet deshalb nicht nur:
„Wo brauchen wir mehr Exploration?“
Sondern:
„Wie müssen wir unsere Organisation gestalten, damit Exploration und Exploitation dauerhaft nebeneinander funktionieren und miteinander verbunden werden können?“
Für diese systemische Betrachtung nutzen wir das HERBST Organization Transformation Framework™ (HOT).
Das Framework betrachtet neun miteinander verbundene Gestaltungsfelder einer Organisation und hilft dabei, Ambidextrie nicht als isoliertes Innovationsprojekt, sondern als Organisationsentwicklung zu gestalten.
Ambidextrie mit dem HERBST Organization Transformation Framework™ gestalten
| HOT-Dimension | Leitfrage zur Ambidextrie | Mögliche Ergebnisse |
| 1. Purpose & Strategie | Warum benötigen wir mehr Ambidextrie und wo? | Zielbild, strategische Suchfelder |
| 2. Kunden & Stakeholder | Wo entstehen neue oder veränderte Kundenbedürfnisse? | Innovations- und Problemfelder |
| 3. Organisation & Rollen | Wo findet Exploration statt und wer entscheidet? | Teams, Rollen, Entscheidungsbefugnisse |
| 4. Prozesse & Zusammenarbeit | Welche Prozesse brauchen Stabilität, welche Lernzyklen? | Unterschiedliche Arbeits- und Prozesslogiken |
| 5. Interaktion & Alignment | Wie verbinden wir Exploration und Kernorganisation? | Informations-, Entscheidungs- und Feedbackschleifen |
| 6. Führung & Kultur | Welches Führungsverhalten benötigen beide Modi? | Führungsprinzipien und gewünschtes Verhalten |
| 7. Kompetenzen & Technologie | Welche Fähigkeiten und Technologien benötigen wir? | Kompetenzaufbau, Methoden und Technologien |
| 8. Transformation & Umsetzung | Wie erproben und skalieren wir das neue Modell? | Piloten, Experimente, Transformations-Roadmap |
| 9. Messbare Wirkung | Woran erkennen wir, dass Ambidextrie funktioniert? | KPIs für Leistung, Lernen und Wirkung |
Damit entsteht kein allgemeingültiges Standardmodell für eine „ambidextre Organisation“.
Das Ziel ist vielmehr, für die jeweilige Organisation bewusst zu entscheiden, wo Stabilität erforderlich ist, wo Exploration ermöglicht werden muss und wie beide Welten miteinander interagieren.
Von der Analyse zur Umsetzung
Für die praktische Einführung bietet sich ein iteratives Vorgehen an:
1. Verstehen
Ausgangssituation und strategische Herausforderungen analysieren.
2. Fokussieren
Bereiche identifizieren, in denen das heutige Verhältnis zwischen Exploration und Exploitation nicht mehr zur strategischen Herausforderung passt.
3. Gestalten
Rollen, Prozesse, Entscheidungswege, Führung und Zusammenarbeit für beide Arbeitsmodi definieren.
4. Erproben
Das Organisationsmodell zunächst in ausgewählten Pilotbereichen testen.
5. Lernen
Erfahrungen und Wirkung systematisch reflektieren.
6. Skalieren
Erfolgreiche Elemente schrittweise in weitere Bereiche übertragen.
Damit folgt bereits die Einführung der Ambidextrie selbst einem wichtigen Grundgedanken:
Nicht die gesamte Organisation am Reißbrett neu gestalten, sondern zielgerichtet gestalten, erproben, lernen und skalieren.
Ein pragmatischer Einstieg: der Ambidextrie-Radar
Für Geschäftsführungen und Führungsteams kann ein Ambidextrie-Radar einen guten Ausgangspunkt bilden.
Das Führungsteam bewertet gemeinsam beispielsweise:
| Dimension | Leitfrage |
| Effizienz | Wie zuverlässig beherrschen wir unser bestehendes Geschäft? |
| Innovation | Wie systematisch entwickeln und testen wir Neues? |
| Freiraum | Haben Mitarbeitende tatsächlich Raum für Exploration? |
| Entscheidungen | Können explorative Teams schnell Entscheidungen treffen? |
| Fehler- & Lernkultur | Lernen wir systematisch aus Experimenten? |
| Zusammenarbeit | Funktioniert die Zusammenarbeit über Bereiche hinweg? |
| Transfer | Können wir erfolgreiche Experimente skalieren? |
| Führung | Können unsere Führungskräfte beide Modi bewusst einsetzen? |
Die Zahlen sind dabei weniger wichtig als die Diskussion.
Interessant werden insbesondere unterschiedliche Wahrnehmungen innerhalb des Führungsteams.
Zehn Fragen für Ihre Organisation
Wenn Sie beurteilen möchten, wie beidhändig Ihre Organisation heute bereits arbeitet, beginnen Sie mit diesen Fragen:
- Wo benötigen wir heute vor allem Stabilität und Effizienz?
- Wo benötigen wir mehr Exploration?
- Welche strategischen Fragestellungen erfordern neue Lösungen?
- Haben Mitarbeitende tatsächlich Zeit und Ressourcen zum Experimentieren?
- Welche Entscheidungen dürfen explorative Teams selbst treffen?
- Bewerten wir Experimente mit geeigneten Kriterien?
- Was passiert bei einem gescheiterten Experiment?
- Wie werden erfolgreiche Experimente in die Kernorganisation überführt?
- Können unsere Führungskräfte zwischen beiden Führungslogiken wechseln?
- Woran erkennen wir, dass unsere Ambidextrie tatsächlich wirtschaftliche und organisatorische Wirkung erzeugt?
Fazit: Beidhändigkeit ist eine Organisationsfähigkeit
Organisationale Ambidextrie ist keine weitere Managementmethode.
Und sie entsteht auch nicht allein durch Innovation Labs, agile Teams oder neue Workshopformate.
Sie betrifft das Zusammenspiel von:
Strategie · Kunden · Organisation · Rollen · Prozessen · Zusammenarbeit · Führung · Kultur · Kompetenzen · Technologie · Transformation und Wirkung
Deshalb sollte die zentrale Frage nicht lauten:
„Wie werden wir agiler?“
Sondern:
„Wo benötigen wir Stabilität, wo benötigen wir Exploration, und wie gestalten wir eine Organisation, die beides beherrscht?“
Das HERBST Organization Transformation Framework™ (HOT) bietet dafür einen systemischen Orientierungsrahmen. Es hilft, Ambidextrie nicht isoliert als Innovations- oder Führungsthema zu behandeln, sondern die Wechselwirkungen innerhalb der gesamten Organisation sichtbar und gestaltbar zu machen.
Denn langfristig erfolgreiche Organisationen müssen nicht zwischen Effizienz und Innovation entscheiden.
Sie müssen lernen, beides miteinander in Einklang zu bringen.
Quellen und weiterführende Literatur
March, J. G. (1991): Exploration and Exploitation in Organizational Learning. Organization Science, 2(1), 71–87. DOI: 10.1287/orsc.2.1.71.
O'Reilly, C. A.; Tushman, M. L. (2013): Organizational Ambidexterity: Past, Present, and Future. Academy of Management Perspectives, 27(4), 324–338. DOI: 10.5465/amp.2013.0025.
Raisch, S.; Birkinshaw, J.; Probst, G.; Tushman, M. L. (2009): Organizational Ambidexterity: Balancing Exploitation and Exploration for Sustained Performance. Organization Science, 20(4), 685–695. DOI: 10.1287/orsc.1090.0428.
Kotter, J. P. (2012): Accelerate! Harvard Business Review, 90(11), 44–58.
Kotter, J. P. (2014): Accelerate: Building Strategic Agility for a Faster-Moving World. Harvard Business Review Press.
Häufige Fragen zur organisationalen Ambidextrie
Was bedeutet organisationale Ambidextrie?
Organisationale Ambidextrie bezeichnet die Fähigkeit eines Unternehmens, gleichzeitig das bestehende Geschäft effizient zu betreiben und neue Möglichkeiten zu entwickeln. Dabei werden Exploitation – die Optimierung des Bestehenden – und Exploration – das Entdecken und Erproben von Neuem – miteinander verbunden.
Was ist beidhändige Führung?
Beidhändige Führung bedeutet, abhängig von Aufgabe und Situation unterschiedliche Führungslogiken einzusetzen. Im stabilen Kerngeschäft können klare Ziele, Standards und Prozesse im Vordergrund stehen. Unter hoher Unsicherheit benötigen Teams dagegen mehr Freiraum für Experimente, Lernen und Anpassung.
Was ist der Unterschied zwischen Exploration und Exploitation?
Exploitation konzentriert sich auf Effizienz, Qualität, Standardisierung und die Verbesserung bestehender Produkte und Prozesse. Exploration beschäftigt sich mit neuen Lösungen, Technologien, Märkten oder Geschäftsmodellen und ist deshalb stärker durch Unsicherheit und Lernen geprägt.
Welche Formen der Ambidextrie gibt es?
Grundsätzlich können Exploration und Exploitation organisatorisch getrennt, innerhalb derselben Teams ermöglicht oder zeitlich nacheinander eingesetzt werden. Welche Form geeignet ist, hängt unter anderem von Strategie, Aufgabe, Unternehmensgröße und Grad der Unsicherheit ab.
Ist Kotters Dual Operating System ein Ambidextrie-Modell?
Nicht im engeren wissenschaftlichen Sinne. Kotters Dual Operating System verbindet eine klassische Hierarchie mit einem flexibleren Netzwerk für strategische Veränderung. Dadurch weist der Ansatz jedoch deutliche Parallelen zur organisationalen Ambidextrie auf und zeigt eine praktische Möglichkeit, unterschiedliche Organisationslogiken parallel zu nutzen.
Wie kann ein Unternehmen Ambidextrie einführen?
Der Ausgangspunkt sollte nicht die Einführung einer bestimmten Methode sein. Zunächst sollte geklärt werden, wo das Unternehmen Stabilität und Effizienz benötigt und wo mehr Exploration erforderlich ist. Anschließend müssen unter anderem Strategie, Rollen, Prozesse, Entscheidungswege, Führung, Kompetenzen und Kennzahlen darauf abgestimmt werden. Das HERBST Transformation FrameworkTM hilft Ihnen dabei.
Welche Rolle spielt Führung bei Ambidextrie?
Führung schafft die Rahmenbedingungen für beide Arbeitsmodi. Führungskräfte müssen einerseits Orientierung, Verbindlichkeit und Prozessstabilität sicherstellen und andererseits Freiräume für Lernen, Experimente und Innovation ermöglichen. Entscheidend ist die Fähigkeit, zwischen beiden Logiken situationsgerecht zu wechseln.
Warum scheitert Ambidextrie häufig?
Typische Ursachen sind der Vorrang des Tagesgeschäfts, fehlende Ressourcen für Exploration, ungeeignete Kennzahlen, isolierte Innovationsteams, widersprüchliches Führungsverhalten und fehlende Schnittstellen zur Kernorganisation. Besonders kritisch ist der Übergang erfolgreicher Experimente in skalierbare Prozesse und Geschäftsmodelle.
Was ist ein Ambidextrie-Radar?
Ein Ambidextrie-Radar ist ein Diagnose- und Reflexionsinstrument für Führungsteams. Es macht sichtbar, wie die Organisation beispielsweise bei Effizienz, Innovationsfähigkeit, Entscheidungsfreiraum, Lernkultur, Zusammenarbeit und Skalierungsfähigkeit aufgestellt ist. Entscheidend ist weniger der absolute Messwert als die gemeinsame Diskussion über notwendige Veränderungen.